Kubanische Frauen

Sie haben die elementare Krise der ´Sonderperiode` gemeistert. Sie haben ihre Kinder großgezogen und drei Generationen gleichzeitig versorgt. Sie waren häufig auch dann noch der Zusammenhalt von Familie und Gesellschaft, wenn sich ihre Männer bereits rar gemacht hatten und in Florida die nächste Familie gründeten. Und dabei tanzen sie, feiern, musizieren und kommunizieren mit ihren Orishas in der geheimnisvollen Parallelwelt der Santeria.

Mag sein, dass Experten die rassigen Brasilianerinnen oder die gekrönten Schönheitsköniginnen aus Venezuela für die perfekten Muchachas halten. Doch ohne jeden Zweifel sind die Kubanerinnen die stärksten Frauen des amerikanischen Kontinents. Und sie verzaubern jeden Besucher, der von jenseits des Meeres auf ihre Insel kommt.  

 

 

Leseprobe:

 

 

Kuba ist das Modell einer revolutionären Umwälzung in Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ebenso wie es Mexiko zu Beginn dieses kriegerischen Jahrhunderts gewesen ist.

Dabei gab es gerade auf dem einzigen Kontinent, der von beiden Weltkriegen weitgehend verschont geblieben ist, eine enorme Fülle an Umwälzungen, Revolutionen, Militärputschen und Guerillabewegungen. Aber weder die Ereignisse in Chile von 1970 bis 1973, noch die Revolution der Sandinisten 1979 in Nicaragua oder die verordnete Bolivarische Revolution in dem Venezuela des Hugo Chavez konnten sich im Bewusstsein der Bewohner des Kontinents als wegweisendes Modell für Entwicklungen auch ihrer eigenen Länder einprägen. Sie blieben stets regional und zeitlich begrenzte Veränderungen mit einem verdächtigen Beigeschmack von kurzem Bestand.

 

Einzig die Revolution in Kuba hatte Auswirkungen, die weit über die regionale Bedeutung eines Umsturzes auf dieser Karibikinsel hinausreichten. Warum war dies so?

 

Bekannt sind die radikalen und alles erschütternden Veränderungen im sozialen und produktiven Bereich des Landes, welche die kubanischen Revolutionäre nach der Konsolidierung ihrer Macht so etwa ab Ende 1959 durchzusetzen begonnen haben. Die Zerschlagung der großen Latifundien, die Enteignungen ausländischer, in der Hauptsache US-amerikanischer Gesellschaften, die großen Kampagnen zur Alphabetisierung der Landbevölkerung und der Aufbau des ersten medizinischen Versorgungsnetzes, das die gesamte Insel überzieht. All dies ist hinlänglich bekannt.

Und natürlich auch die Tatsache, dass die kubanische Revolution mit Fidel Castro den engagiertesten, halsstarrigsten und zähsten Revolutionsführer hervorgebracht hat, der je ein Land während der gesamten Aufbauphase in eine ´neue` Gesellschaft überführt hat. Ohne Fidel ist das neue Kuba kaum denkbar.

 

Weitgehend ausgelöscht aus der heutigen geschichtlichen Erinnerung ist der Umstand, dass Kuba in dem Jahrhundert vor seiner Unabhängigkeit von der alten Kolonialmacht Spanien das reaktionärste und rückständigste Land der gesamten westlichen Hemisphäre gewesen ist.

Erst im Jahre 1886 wurde auf Kuba die Sklaverei per Gesetz abgeschafft. Es ist das Jahr in dem Carl Benz in Deutschland mit seinem Benz Patent-Motorwagen das Zeitalter des Automobils eingeläutet hat. Das Jahr, in dem das weltweite Konsumverhalten durch die Rezepte für Maggi und Coca Cola in gleichmacherische Bahnen gelenkt wurde. Hingegen konnte auf Kuba mit 375 Jahren Sklavenhaltung gerade ein weltrekord- verdächtiges Jubiläum der eher makabren Art bejubelt werden.

 

Ähnliches lässt sich für die koloniale Abhängigkeit dieses Landes sagen. Die Stimmen für eine nationale Unabhängigkeit werden nach 1808 in allen Kolonien Lateinamerikas unüberhörbar, weil sich in diesem Jahr die spanische Königsfamilie freiwillig in die Hände Napoleons begibt, um durch Joseph Bonaparte, den Bruder des französischen Kaisers als neuem Monarchen in Madrid ersetzt zu werden. Nun fühlen sich selbst viele ´Peninsulares` (in Spanien geborene Bewohner der Kolonien) nicht mehr an die Gesetze und Richtlinien der Krone gebunden und unterstützten die Bestrebungen der ´Kreolen` (in den Kolonien geborene spanische Nachkommen) nach vollständiger Unabhängigkeit vom Mutterland.

Seit dem Jahre 1810 brodelte es also in allen spanischen Kolonien und der Ruf nach vollständiger Unabhängigkeit vom Mutterland eilte von Mexiko über Mittelamerika, die Inseln der Karibik und Venezuela über den gesamten südamerikanischen Kontinent.

1810 verliert Spanien das Vizekönigreich Neugranada (Kolumbien, Venezuela, Ecuador, Panama),

1811 das Vizekönigreich Rio de la Plata (Argentinien, Bolivien, Paraguay),

1823 Peru und

1824 das Vizekönigreich Neuspanien (Mexiko).

 

Doch Kuba gehörte noch für weitere drei Generationen als Kolonie zur spanischen Krone, bis auch auf dieser Insel im Jahre 1898 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde. Spanien hatte für seinen Kampf um den Erhalt der letzten Kolonie in Amerika noch einmal über 200 000 Rekruten im Mutterland ausgehoben, um die kubanische Garnison von 50 000 Mann Besatzungstruppen massiv zu verstärken. Aus diesem Kontingent von zwangsrekrutierten jungen Männern aus den armen Schichten des Landes (die wohlhabenden spanischen Familien konnten ihre Söhne von dieser Rekrutierung freikaufen), blieben viele ehemalige Soldaten nach dem verlorenen Krieg in Kuba, um in der neu erstandenen Nation ihr Glück zu versuchen.

Doch bald schon wurde den neuen Bürgern des Landes klar, dass Kuba seinen alten kolonialen Status gegen eine neue Abhängigkeit von den USA eingetauscht hatte, und dass sich im Grunde die kubanische Schicht der ´Annexionisten`, also die Anhänger eines Anschlusses der Insel an die USA durchgesetzt hatten. Denn die Besitzer der großen Latifundien verkauften aus Angst vor möglichen Entwicklungen wie einst auf der Nachbarinsel Hispaniola ihre Ländereien an US-amerikanische Firmen wie die United Fruit Company und ließen sich in den USA nieder. Die Masse der enttäuschten Kämpfer für ein unabhängiges Kuba blieben auf der Insel zurück und mussten ohnmächtig mit ansehen, wie ihre neue Heimat von dem großen Nachbarn ausgeplündert wird. Auf Kuba mussten die alten gesellschaftlichen Strukturen vollständig zerschlagen werden, um dem überfälligen Neubeginn des Landes eine wirkliche Chance zu geben.

Die Kinder der Veteranen des antikolonialen Krieges nehmen den Kampf um die wahre Unabhängigkeit der Insel wieder auf. Ihre bekanntesten Kämpfer sind Frank Pais, Camilo Cienfuegos, Armando Hart, Enrique Oltuski, Alberto Bayo, die Gebrüder Castro, sowie ein Argentinier mit dem Namen Ernesto Rafael Guevara de la Serna, der sich den kubanischen Revolutionären anschließt. Sie wissen, dass sie nicht nur gegen die Diktatur des Fulgencio Batista und die kubanische Oligarchie, sondern gleichfalls gegen den übermächtigen Nachbarn USA und seine gigantischen Multikonzerne ankämpfen müssen, um in ihrem Land radikale und dauerhafte Veränderungen zu erreichen. Sie wollen die soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Unwissenheit beseitigen, Schulen und ein System medizinischer Versorgung im ganzen Land organisieren und Kuba von jeglichem äußeren Einfluss unabhängig machen. Sie müssen den Kubanern ihr Selbstwertgefühl zurück geben, Rassenschranken einreißen, die Macht der katholischen Kirche begrenzen, die Gleichberechtigung der Frauen vorantreiben, sexuelle Tabus durchbrechen und die Entwicklung einer neuen intellektuellen Elite des Landes fördern. Ihr oberstes Leitbild ist ein Dichter und Philosoph, der bereits in den ersten Tagen des kubanischen Unabhängigkeitskrieges gefallen ist und ihr unbestrittener Führer heißt Fidel Castro.

 

´Fidel` wie ihn die Kubaner nennen ist ein ungeheuer zäher und engagierter Revolutionär, dessen grenzenloses Selbstwertgefühl an Größenwahn grenzt. Und sein Programm für das neue Kuba ist radikal. Durch seine Kraft, sein Redetalent und seinen messerscharfen Verstand steht Fidel haushoch über der Masse, auch wenn er oftmals die Nähe und die Auseinandersetzung mit dem einfachen Volk sucht. Er wird nicht geliebt, wie Camilo Cienfuego oder Che Guevara, aber ohne seine Person hätte das kubanische Modell einer radikalen gesellschaftlichen Umwälzung keine Chance auf Dauer gehabt.

 

In seiner Politik ist Castro Pragmatiker. Er wendet sich der Sowjetunion zu, weil die USA nach der entschädigungslosen Enteignung der United Fruit Company sämtliche wirtschaftlichen Verbindungen mit Kuba kappen und er wird Sozialist, weil er soziale Gerechtigkeit erzwingen will.

Fidel weiß, dass sein Land durch eine Partnerschaft mit Russland nicht reich werden kann und wohl kaum jemals genug Devisen erwirtschaften wird, um die Luxusartikel zu importieren, die in anderen Staaten der Region zunehmend zum Alltag gehören. Also schafft er ein Land der gerechten Armut, einen Sozialstaat der Habenichtse.

Allerdings stehen den Besitzlosen medizinische Versorgung, Schulen und Universitäten kostenlos zur Verfügung. Lebensmittel, Wohnung und Transport sind staatlich subventioniert und werden der Bevölkerung zu symbolischen Preisen angeboten. Das ist oftmals mehr, als die Sozialprogramme der reichen westlichen Länder für den verarmten Teil ihrer Bevölkerung anzubieten haben und unendlich viel mehr, als die Armen in anderen Ländern Lateinamerikas jemals erwarten können.

 

Die Revolutionäre der Bewegung des 26. Juli haben sich ein Land geschaffen, im welchem die meisten Bewohner der Insel materiell ohne Luxus, jedoch auch ohne elementaren Mangel überleben konnten. Bis eines Tages überraschend die riesige Sowjetunion zusammenbricht und die russischen Öllieferungen ausbleiben. Dies bedeutete nicht nur fehlenden Treibstoff für Fahrzeuge und Maschinen im eigenen Land, sondern auch fehlende Devisen für diese Insel, da Kuba einen großen Teil der russischen Erdöllieferungen an Drittländer weiter verkaufen und sich so seine überlebensnotwendigen Devisen beschaffen konnte.

Nun setzte die Führung des Landes unvermittelt auf die Karte des internationalen Tourismus, um die Devisenverluste auszugleichen. Aber weder die Infrastruktur noch das kubanische Selbstwertgefühl oder die soziale Balance waren wirklich auf dollarbepackte Besucher eingestellt. Tourismus war in dem kubanischen Modell nicht vorgesehen.

 

*

 

In den folgenden 17 Jahren verschieben sich jetzt die Prioritäten des kubanischen Alltags. Wichtig werden Beschäftigungen und Personen, die in der Lage sind, amerikanische Dollars an Land zu ziehen. Attraktive Muchachas, illegale Taxifahrer und private Vermieter werden in der Folge zu den wichtigsten Vertretern der kubanischen Zivilgesellschaft - und zwar genau in dieser Reihenfolge.

 

Im Prinzip reklamiert der kubanische Staat sämtliche Devisen, die Touristen ins Land bringen, exklusiv für sich selbst und stellt den individuellen Erwerb von Devisen unter Strafe. Denn schließlich trägt der Staat ja auch die Kosten für Ausbildung, medizinische Betreuung und die sonstige gigantische Subventionswirtschaft des Landes. Eine klassische Staatsfinanzierung durch Steuererhebung entfällt in diesem Land, denn kubanische Bürger unterliegen bislang keinerlei Steuerabgabe.

Auf der anderen Seite werden dem nationalen Markt immer mehr Produkte entzogen und sind nur noch gegen Devisen zu erhalten. Die Kubaner müssen also irgendwie an Dollars (oder in späteren Zeiten an den konvertiblen Peso CUC) kommen, wenn sie zum Beispiel Benzin, frei verkäufliche Kleidung oder manchmal auch nur die Devisen für ein internationales Telefongespräch benötigen.

 

Die neuen Bestimmungen und Gesetze, mit denen der Staat die alleinige Verfügung über sämtliche Devisen durchsetzen will, die der Tourismus dem Lande beschert, lassen sich nicht mehr aus der kubanischen Lebensweise und dem Selbstverständnis seiner Bevölkerung herleiten.

Prostitution zum Beispiel wird knüppelhart bestraft, wobei die offiziellen Moralapostel stets auf die vorrevolutionäre Situation in Kuba hinweisen, als ganz Havanna wie ein riesiges Bordell für amerikanische Touristen gewirkt hat. Aber steht in einem Land der sexuellen Freizügigkeit hinter jedem intimen Verhältnis einer Kubanerin mit einem Touristen gleich Prostitution?

Und steht hinter jeder Einladung in die eigene Wohnung gleich ein illegaler Pensionsbetrieb? Kann man in dem Land der hochgelobten Gastfreundschaft nicht mit einem Ausländer in seinem eigenen PKW fahren? Wo sind die Grenzen und vor allem – wie lassen sich die staatlichen Kontrolleure und Aufpasser in die Irre führen? Denn jede vage Möglichkeit irgendwie an Devisen zu gelangen muss in dieser neuen Situation unbedingt ausgenutzt werden.

 

Jetzt beginnt in Kuba ein Guerillakrieg der ganz neuen Art, den die Protagonisten des ´neuen Menschen` nicht voraussehen konnten. Es ist mehr eine ´Spaßguerilla`, aber mit ernstem Hintergrund, enormer Kreativität und großem Nachahmpotenzial. Sie kreiert neuartige Aktionen von Widerstand und Ungehorsam, denen die staatlichen Organe hilflos gegenüberstehen, weil sie nie gelernt haben, nach eigenem Ermessen und flexibel zu reagieren.

 

Wenn jetzt ein Besucher der Insel in einen Amischlitten steigt, dann wird er von dem Fahrer nach seinem Namen gefragt und mit Handschlag begrüßt. Darauf rappelt der Kubaner seine eigenen Daten herunter und sagt: ´Also bitte nicht vergessen ich bin José, arbeite als Mechaniker und wohne in Playa. Wenn eine Kontrolle kommt, dann sind wir Freunde und kennen uns bereits seit einem Jahr. Okay?`

Oder wenn wieder einmal die korrumpierten Türsteher von den angesagtesten Läden mit Livemusik ausgetauscht werden und von den durchtrainierten und linientreuen Schwarzen der nationalen Boxstaffel ersetzt werden, die weisungsgemäß keine unbegleiteten heißen sexy-Girls zur Tür hineinlassen, selbst wenn die mit dem Eintrittsgeld wedeln, dann kann es passieren, dass diese Chicas nach Hause flitzen und sich in die verstaubten Klamotten ihrer Uromas zwängen, um sich Eintritt zu verschaffen. Einmal im Salon reißen sich diese Muchachas natürlich sofort ihre Verkleidung herunter und legen erst einmal eine Show in Strips und Straps auf der Tanzfläche hin, auf dass der ganze Saal tobt und den Truppen der ´Sicherheit` keine Chance mehr zum Eingreifen lässt.

 

 

An vorderster Front dieses endlosen Scharmützels täglicher Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und dem Volk von Kuba stehen die attraktivsten Frauen des Landes. Kuba könnte zur Not hart gegen den Gebrauch der Oldtimer als Privattaxis vorgehen oder auch Privatvermietungen unterbinden. Doch jedes Mal, wenn das Regime in den nächsten Jahren die Präsenz und freie Mobilität der attraktiven Muchachas einschränkt, sind in der Folge die Einnahmen aus dem Tourismus in den Keller gepurzelt. Wie ein roter Faden durchzieht ein wackeliger Eiertanz zwischen neuen staatlichen Repressionen und den Lockerungen eben dieser repressiven Maßnahmen die ´Periodo Especial` und selbst die persönlichen Interventionen des ´Maximo Lider` haben jetzt keinen dauerhaften Bestand mehr.

 

Vor diesem Hintergrund wollen die in den folgenden Berichten aufgezeichneten Erlebnisse und Episoden bewertet werden.

 

 

Kubagirls

 

Eigentlich hatte ich eine Reise nach Kuba überhaupt nicht auf dem Schirm.

In diesem Winter wollte ich nach Angola. ´ El Rubio` lebte jetzt bereits seit über 12 Monaten in diesem riesigen afrikanischen Land und hatte mir eine Einladung geschickt: ´Du kannst jetzt runter kommen, wenn du willst, ich habe hier alles soweit im Griff.`

Und wenn der Blonde schrieb, er hätte alles im Griff, dann konnte man darauf vertrauen, dass er auch in einem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land eine Nische gefunden hatte, wo die Gefahr kontrolliert und die Versorgung gesichert war. Und wo es attraktive junge Frauen gab, die schon mal mit Männern aus Europa ihr Nachtlager teilen.

Die Rede ist hier von dem Angola des Jahres 1991, als sich nach der Schlacht von Cuito Cuanavale drei Jahre zuvor so etwas wie eine Patt-Situation im angolanischen Bürgerkrieg abzeichnete. Die intervenierenden Mächte der Russen, Kubaner, Südafrikaner und der US-Amerikaner hatten sich aus dem Lande zurückzogen, und es wurde zum ersten Mal seit dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft mit einer internen und friedlichen Lösung des Konflikts versucht.

Die spanische Regierung hatte sogleich ihre Chance erkannt, in diesem mit Rohstoffen überreich gesegneten Land eine wichtige Rolle in der Nachkriegs-Aufbauphase zu spielen. Wenn die Russen sich zurückzogen, weil sie gerade zu Hause alle Hände voll zu tun hatten, um ihr zerbröckelndes Imperium noch halbwegs zusammenzuhalten; die Amis und die Südafrikaner Distanz nahmen, weil sie im Bürgerkrieg auf das falsche Pferd gesetzt hatten und somit diskreditiert waren, entstand in Angola unweigerlich ein Machtvakuum, das doch prima von Spanien ausgefüllt werden könnte! Oder etwa nicht?

Die Portugiesen waren eindeutig zu schwach, um in ihrer ehemaligen Kolonie noch einmal wirtschaftlich Fuß fassen zu können, und die Kubaner bekamen Druck von allen Seiten, sich nun endlich vollständig aus Afrika zurückzuziehen. Außerdem wollte Fidel sein Expeditionskorps zurück auf die Insel und unter Kontrolle bekommen, denn ihm war zu Ohren gekommen, dass der führende General in Drogengeschäfte verstrickt sei, und sich zudem unter den kubanischen Soldaten rapide das HIV Virus ausbreite.

Nach der Rückkehr des Korps wurde General Ochoa hingerichtet und für die Aidsis in San Antonio de los Baños, 100 Kilometer südlich von La Habana, ein Quarantäne-KZ errichtet. In einem Staat mit einer Castro Doppelspitze fallen derartige Entscheidungen ohne großen Aufschub nach kurzen, knüppelharten Prozessen und ohne allzu viele hemmende bürokratische Hürden.

Jedenfalls war damit eine Rückkehr der Kubaner auf die politisch/ökonomische Bühne von Angola definitiv ausgeschlossen.

Allerdings hatte Kuba auch massiv und uneigennützig auf dem Ausbildungssektor in Universitäten und Schulen investiert und somit eine neue Elite im Lande geformt, deren intellektuelle Verständigungssprache spanisch ist. Hier wollte die spanische Regierung ansetzen und dem Land weitere kulturelle und fachliche Ausbildung in dieser Sprache anbieten, um so einen Fuß in den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes zu bekommen. Die damalige Regierung brauchte also einen wendigen Tausendsassa in Angola, der zwischen Kultur und Wirtschaft, zwischen korrupten Regierungsbeamten, stolzen Kubanern und schießwütigen Guerilleros lavieren und zwischen Küste und Inland hin und herpendeln konnte, ohne dabei vom Leben zum Tode befördert zu werden. Einen Experten für Öl, Diamanten und Seltene Erden, der sich auf diplomatischem Boden ebenso sicher bewegen konnte wie bei einer Fahrt durch die Minenfelder der Hochebene und den Malariagebieten des tropischen Dschungels.

Tja, und der beste Mann für solch einen Posten war ohne Zweifel mein alter Kumpel ´El Rubio`.

1991 hatte er sich jedenfalls schon bestens dort eingerichtet und mir die besagte Einladung geschickt, als plötzlich alles anders wurde …

 

Jungs, ich will euch nicht mit endlosen Hintergrundgeschichten langweilen, ihr wollt etwas über exotischen Sex lesen, ich weiß. Aber Geduld, kommt noch. Ein wenig muss ich schon diesen Hintergrund durchleuchten, damit auch verständlich wird, wieso ich so plötzlich und völlig unvorbereitet mitten in das unglaubliche Heer von hemmungsarmen Cubagirls der 90er Jahre geraten bin. Außerdem kann es ja wohl niemandem schaden, ein wenig kultivierter herumzulümmeln, weil er eine gewisse Ahnung davon hat, weshalb zu ihm gewisse Frauen ohne den üblichen Eiertanz und ohne zu zögern ins Bett schlüpfen. Oder etwa nicht?

 

Also weiter:

In Angola kam genau zu dieser Zeit der Bürgerkrieg wieder ins Rollen, weil ein gewisser Jonas Savimbi mit seiner UNITA die Wahlen verloren hatte und nur den Posten des Vizepräsidenten angeboten bekam. Das reichte ihm eindeutig nicht und er zog sich in sein Stammgebiet im Osten zurück, machte Huambo zur neuen Hauptstadt der von ihm besetzten Zone und zog wieder in den Krieg gegen die von der Regierung kontrollierten Küstengebiete. Damit war allerdings auch der schöne Entwicklungsplan von Felipe González Makulatur, und El Rubio wurde abberufen.

Noch bevor der Blonde in Luanda einen Platz im Flieger ergattern konnte (was nicht so ganz einfach war, denn das erneute Aufleben der Kämpfe löste eine panikartige Fluchtwelle im Lande aus), also praktisch direkt vor seinem Abflug schickte er mir zum Glück ein Telegramm, in dem er seine bevorstehende Rückkehr ankündigte.

Ich saß folglich unmittelbar vor meinem Flug mit seinem Telegramm in der Hand auf einem Koffer voller Tropenkleidung und einem Flugticket nach Luanda in der Tasche. Was tun?

Zunächst bin ich in das alternative Reisebüro in Barcelona gestürmt, in dem sie mir das komplizierte Ticket nach Angola besorgt hatten, und versuchte den Kauf rückgängig zu machen. (Damals war noch nichts mit Onlinebuchung. Man brauchte ein Reisebüro, um einen Flug zu buchen. Und für spezielle Flüge brauchte man auch ganz spezielle Reisebüros).

Also Geld zurück ging nicht. Schon verständlich, es waren ja auch ganz persönliche Gründe, weshalb ich meinen Flug nun nicht mehr antreten wollte. Sie konnten mir im Rücktausch gewisse Prozente an Erlass für einen alternativen Flug einräumen, oder – und das war ihr bestes Angebot – eine Ferienreise mit minimaler Zuzahlung nach Kuba.

Eine halbe Stunde später hatte ich ein Ticket für eine 14-tägige Kubareise in der Tasche. So etwas wie eine halbe Abenteuerreise, 3 Tage in einem Hotel in Habana del Este und danach – mal sehen. Na prima, bis zu diesem Tag hatte ich gar nicht gewusst, dass es überhaupt Individualreisen nach Kuba gab …

Ehrlich gesagt war Kuba bis dahin ein weißer Fleck auf meiner inneren Landkarte. Natürlich kannte ich die Eckdaten – kennt ja jeder. Karibikinsel, Zuckerrohr, Rum und Zigarren, Revolution, Fidel Castro, Che Guevara und eine saftige Krise, die einst beinahe den nächsten Weltkrieg ausgelöst hätte.

Aber meine Güte, das alles war schon ewig lange her und gewissermaßen vor meiner Zeit. Danach war Kuba irgendwie in dem Einheitsbrei sozialistischer Gleichmacherei untergegangen, aus dem höchstens noch so ab und an mal ein gedopter Sportler, eine Flugzeugentführung von Miami nach Havanna oder ein besonders waghalsiger Kubaflüchtling, der sich im Paddelboot oder auf einem Floß nach Florida aufmachte, in den Schlagzeilen auftauchte.

Jedenfalls in der Wahrnehmung eines Wessis. Aber mit der Flugkarte in der Tasche fragte ich mich natürlich, ob dieser Eindruck nicht eventuell daher rührt, dass jahrzehntelang kaum noch ein unabhängiger westlicher Besucher die Insel beschrieben hat. Dieser Eindruck drängte sich mir jedenfalls auf, als ich schnell noch die Stände auf den Ramblas in Barcelona nach einem Buch über Kuba durchstöberte. Die einzige Ausbeute dieser Suche war ein schmales Büchlein über die Insel, das ganz offensichtlich lange vor der Revolution geschrieben worden ist.

´Streng katholisch`, ´Leute mit höflichen Sitten`, ´gepflegtes und elegantes Äußeres`, ´lange Siesta am Nachmittag`, und so weiter …

Klang nicht so richtig glaubhaft für ein Land, dessen Staatschef sich stets nur in Uniform und Rauschebart präsentierte und der angeblich noch persönlich auf den Zuckerrohrfeldern die Machete schwang. Die Mittagspause wird doch in so einem Land als Erstes abgeschafft. Die höflichen Sitten auch und die Religion sowieso. Aber eventuell hat ja doch eine gewisse Eleganz überlebt, zumindest in der Hauptstadt.

Immerhin war der einzige Kubaner, den ich in den letzten Jahren kennengelernt hatte, ein recht smarter und eleganter junger Mann gewesen. Das habe ich ganz zu erzählen vergessen.

Also: ungefähr zwei Jahre zuvor saß ich bei einem Flug von Barcelona nach Berlin neben einem sympathischen jungen Burschen, der gerade frisch aus Kuba kam. Der durfte damals ausreisen, weil er eine Austauschstudentin geschwängert hatte, die aus der damaligen Deutschen Demokratischen Republik auf die Insel geschickt worden ist. Die muss wohl eine der letzten Austauschstudenten gewesen sein, denn die DDR lag in jenen Jahren ja bereits in den allerletzten Zügen. Auf jeden Fall durfte der smarte Kubaner die Insel verlassen, um in Deutschland seinen Vaterpflichten nachzukommen. Seine Tussi wohnte nun ausgerechnet in Weißwasser, also in Dunkeldeutschlands hinterstem Winkel. Das weiß ich noch genau, denn mein neuer kubanischer Bekannter löcherte mich den ganzen Flug hindurch, wie es dort wohl aussieht.

Mal ehrlich, wer kann denn so eine Frage beantworten? Eishockey ist das einzige, was mir zu dem Nest eingefallen ist. Die hatten in der Dä-Dä-Rä doch so eine merkwürdige Liga, in der nur zwei Vereine den jährlichen Meister ausspielten. Und einer davon war Weißwasser. Folglich wurde dieses Kaff jedes zweite Jahr Meister der Republik im Eishockey, schon aus Gründen der Ausgewogenheit.

Ich wusste das, weil ich ein eingefleischter Eishockeyfan bin, aber was für eine Ahnung hat ein Kubaner schon vom Eishockey? Oder von einem Plattenbau an der deutsch-polnischen Grenze?

Der hatte doch bestimmt einen Hauch von Großer-Weiter-Welt verspürt, als er die Nachwuchsgenossin flachlegte. Und jetzt wartete auf ihn ein Winkelchen in der Drei-Zimmer-Wohnung der Schwiegereltern und ein Aushilfsjob im VEB Farbglaswerk Weißwasser.

Ich glaube, ich habe den damals beruhigt und ihm erklärt, dass in Germanien sowieso bald alles ganz anders wird und er dann sein Bündel überall in Deutschland oder auch woanders in Europa abstellen kann, ob nun mit Anhang oder ohne. Diese Entwicklung hat sich zu jener Zeit ja schon klar abgezeichnet. Als Dank hatte der mich nach Kuba eingeladen, obwohl er selbst voraussichtlich dort die nächsten Jahre nicht wieder auftauchen werde. Aber er schrieb mir die Adressen von allen seinen Familienangehörigen auf. Alle wohnhaft in La Habana, und zu jeder Adresse bekam ich von ihm noch ein spezielles Empfehlungs-schreiben.

Dieser Schatz hatte bei meiner schnellen Entscheidung im Reisebüro den Ausschlag für das Kubaticket gegeben, denn damit hatte ich einen klaren Plan für diese Reise: drei Tage Hotel Habana del Este, und danach die Familie meines Kubaners in der Hauptstadt aufsuchen. Die weitere Planung würde sich dank lokaler Unterstützung bestimmt einfach aufstellen lassen. Jetzt brauchte ich mir nur noch schnell ein paar leicht elegante Sommerklamotten und einen Panama-Hut besorgen, und es konnte losgehen.


 

*

 

 

Eine Woche später stand ich in Madrid auf dem Flughafen Barajas. Seltsamerweise startete der Flieger nachts um zehn. Dies bedeutete, dass er – grob geschätzt – gegen Mitternacht in Havanna landen werde, Erdumdrehung, Zeitverschiebung und voraussichtliche Flugzeit über den Daumen gepeilt.

Na egal, die werden schon wissen, warum!

Der Flieger war eine russische Iljuschin II 62 des Cubanacan (staatliche kubanische Reisegesellschaft). Das ist so eine merkwürdige Maschine, die alle 4 Triebwerke nicht an den Flügeln, sondern hinten am Schwanzende konzentriert hat. Wenn mal jemand von euch mit so einem Gerät fliegen sollte, dann bitte nicht nach hinten setzen. Beim Start überträgt dieser Jet derart laute Resonanzwellen auf die hinteren Sitze, dass einem glatt die Spucke gerinnt. Aber damals gab es bei Flugreisen noch eine Raucherzone, und die war bei der Iljuschin eben ganz hinten im letzten Viertel.

Vielleicht ist es auch besser, überhaupt nicht mit so einem Vogel zu fliegen, denn das Handgepäck wird in Netzen verstaut, wie bei einem alten Reisebus. Das kann unangenehm werden, wenn die Maschine durch Turbulenzen erschüttert wird. Dann müssen die Passagiere rechts und links des Mittelganges volle Deckung nehmen, weil das ganze Gepäck von oben herunter gepurzelt kommt. Sauerstoffmaske von oben, oder Schwimmweste unterm Sitz ist natürlich auch nicht. Aber mein Gott, das habe ich ja auch bisher noch nie gebraucht. Ihr etwa?

 

Geflogen ist der Apparat ganz ordentlich, und an Bord herrschte so etwas wie eine erwartungsvolle Aufbruchstimmung. Gerüchte, Tipps, Adressen und sogar Fotos wurden unter den jungen Männern im Flieger reihum gereicht. Also von Passagier zu Passagier, denn die ganze Gesellschaft bestand aus jungen Männern. Die einzigen weiblichen Wesen waren die Stewardessen und gehörten zum Cubanacan. Es war wohl für alle der erste Flug nach Kuba, jedenfalls von uns Qualmern im hinteren Viertel. Und so hatte jeder Reisende eine eigene, sehr individuelle Phantasievorstellung davon, was ihn auf dieser Insel erwarten würde.

 

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* Verlag: Books on Demand; Auflage 1 (31. Mai 2018)

* Sprache: Deutsch

* ISBN-13: 9783743152793

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